Frank Gassner – Offener Bücherschrank in dritter Auflage am Alsergrund

Frank Gassner eröffnet den dritten Offenen Bücherschrank. Diesmal am Alsergrund. Ohne Kulturfinanzierung der Politik, weil die Grünen dagegen waren. (Foto: Logoentwurf von Frank Gassner)

(Wien, im März 2011) Der Offene Bücherschrank ist ein Modell, das Buch in den öffentlichen Raum zu bringen. Zum einen in die Region der Analphabeten, also dorthin, wo strukturell nichts gelesen wird. Zum anderen an die freie Luft, wo gewöhnlich auch nicht mehr gelesen wird (wegen Feinstaub). Lesen wurde ein intimer Vorgang, daneben die intensivste geistige Auseinandersetzung, die es gibt und es wird hinter verschlossenen Türen praktiziert.

Media Literacy nimmt ab

In Internetzeiten wird strukturell immer weniger Buch gelesen und daher verschwinden die großen Geschichten immer mehr von der Bildfläche. Der kurzlebige Nutzen des Internets mit seinen kurzen Filmchen erschöpft den Menschen so sehr, dass er “keine Zeit” mehr hat, tagelang ein gebundes Buch zu lesen, in Abschnitten, in Etappen und am Ende fertig. Das Lesen von längeren gebundenen Themen und das Verstehen der Sinnzusammenhänge wird zunehmend verlernt. Die Literarizität, die Kunst des Lesens, nimmt ab. Kürzlich bewarben sich Personen von der Post und anderen Betrieben bei der Polizei: Sie scheiterten zu 80% am Aufnahmetest “Lesen und Rechtschreiben”, weil sie die Grundvoraussetzungen nicht mitbringen, die ein Beamtendienst fordert. Denkt man die Dinge und Handläufe nach Unten zu Ende und zwanzig Jahre in die Zukunft, wird es so kommen, dass man Polizeibeamte und Beamte in arabischer Wüstenstaatqualität hat, wo jeder schon Polizist werden darf, der ein Gewehr richtig halten kann.

Kurzer Sinn der langen Rede: Wer einen “Bücherschrank” aufmacht oder gar auf die verschrobene Idee kommt, heutzutage noch eine Buchhandlung zu eröffnen, der muss als Mensch mit ungesunden Interessen eingestuft werden.

Frank Gasser aus dem 7. Bezirk hatte die Idee mit dem “Offenen Bücherschrank” und er setzte sie kommunal im 7. Bezirk (Ecke Westbahngasse, Zieglergasse) und im 16. Bezirk (Ecke Brunnenmarkt, Grundsteingasse) um. Beim ersten Projekt blieb er im eigenen Revier seines Bezirks Neubau. Beim zweiten Schritt ging er auf das Pflaster des Brunnenmarktes, wo alle möglichen Sprachen gesprochen werden, nur wenig deutsch. Hier hat das Projekt die Qualität des Missionarischen im fremden Terrain.

Der neunte Bezirk Alsergrund wird gemeinhin als der “Bezirk der Dichter und Denker, Ärzte und Anwälte” bezeichnet. Doch es dürfte Geschichte damit sein. Denn hier scheiterte Gassner mit seinem Projekt. Im April 2010 reichte er das Projekt bei den Bezirksgremien ein und wollte den unverschämt hohen Betrag von 7.700 Euro Projektförderung haben. Für die Pflege des Schranks, Marketingmassnahmen, Versicherung, Mietkosten, Webseitenpflege und einen rahmenkulturellen Schwerpunkt mit Lesungen.

Interessant: Die SPÖ war dafür. Obwohl das Projekt auch ein wenig die eigenen Stadtbüchereien “kannibalisiert”. Aber nicht sehr, das wusste die SPÖ-Bezirksvertretung. Mehr ist der “Bücherschrank” eine Werbung für das Buch und könnte sogar, da im öffentlichen Raum und in offener Wahrnehmung, Neugeschäft in die ungleich größeren Stadtbüchereien bringen. Man begrüßte die Initiative und wollte die überschaubare Förderung bewilligen. Doch es war Wahlkampf. Dann die große Überraschung: Die Grünen stemmten sich dagegen.

Grüner Freytag: “Projekt zu teuer”

Deren Bezirkschef Stefan Freytag suchte Haare in der Suppe. Die Förderung sei eindeutig zu hoch. Außerdem gäbe es eine Überschneidung mit einem Projekt der künstlerischen Volkshochschule in der Lazarettgasse, so Freytag. Das mag sein, bloß sieht man vor der Volkshochschule keinen Bücherschrank in der Öffentlichkeit!

Die Parteien schoben sich den Ball gegenseitig zu und plötzlich war das einfache Kulturprojekt “Offener Bücherschrank” eine heiße Kartoffel, die im Bezirk niemand finanzieren wollte. Die Grünen sagten im Herbst 2010 dann, sie wollten, aber nicht in der Höhe. Sie gaben der SPÖ die Schuld, dass sie über Einsparmassnahmen nicht reden wollte. Die SPÖ sagte im September 2010, dass die Grünen Schuld sind, dass der “Bücherschrank” nicht durch den Bezirk finanziert werden kann, weil sie es ablehnen.

Am Ende, im Jänner 2011, stand fest: Der Offene Bücherschrank kommt! In dritter Auflage am Zimmermannplatz 1, der nun Heinz Heger-Platz heißt. Startschuss ist 31. März 2011. Geändert hat sich nichts: Die Grünen verhinderten eine Bezirksfinanzierung, eine milde Kultursubvention von ein paar tausend Euro.

Frank Gassner verzichtet nun auf Werbekosten und Inserate, da er den Bücherschrank im 9. Bezirk ganz allein finanziert. Mit Privatgeld in der Höhe von 2.800 Euro, das er selbst bezahlt, wird der “Offene Bücherschrank” am Zimmermannplatz 1 (Heinz Heger-Platz) den Lesern übergeben.

Es werden drei Schränke aufgebaut sein, in dem die Bücher hinter Glas zur freien Entnahme stehen. Ein Schrank ist nur Heinz Heger gewidmet, Autor des Buches “Die Männer mit dem Rosa Winkel”. Das Buch ist ein Überlebensbericht aus dem KZ, der das Thema Homosexualität im Dritten Reich anspricht.

So werden die drei Schränke im Heger-Park aussehen. (Entwurf: Frank Gassner)

Obwohl die Stadt Wien nichts aus dem Kulturbudget gibt, hält die SPÖ-Bezirksvorsteherin Martina Malyar (Alsergrund) am 31. März 2011 zur Eröffnung eine Ansprache.

Marcus J. Oswald (Ressort: Allgemeines, Bildung)

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Autorenschaft, Recherche, Sprechen mit Leuten, Niederschreiben. Das Leben ist Dokumentation von Leben. Der Autor heißt Marcus "John" Oswald, ist nicht verschwägert oder verwandt mit Lee Harvey Oswald.
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2 Antworten zu Frank Gassner – Offener Bücherschrank in dritter Auflage am Alsergrund

  1. frank gassner schreibt:

    sehr geehrter herr oswald!

    danke für ihren link.

    ohne in irgendeiner weise in ihre journalistische freiheit eingreifen zu wollen, möchte ich dennoch einige bemerkungen dazu machen.

    es tut mir leid, aber mir ist das lesen als solches wirklich wurscht. ich halte sogar playstation-spielen für eine kulturtechnik. ich bin nicht so naiv zu glauben, dass die leute weniger lesen, weil sie keine bücher haben und man deshalb welche auf die strasse stellen muss.

    vielmehr interessiert mich die intervention im öffentlichen raum, das nichtkommerzielle, die anarchistische organisation des wartungsprozesses und der architektonische eingriff.

    ich habe leider keinerlei missionarischen eifer am brunnenmarkt deutsch zu lehren, denn jede sprache ist ganz wunderbar, auch fühle ich mich dort nicht auf fremden terrain sondern sehr zu hause.

    selbst die idee ist nicht von mir, sondern von clegg und guttmann. heinz heger hat auch nicht am heinz heger-park gewohnt, auch wenn es dort steht (einen aufsatz dazu habe ich gerade in arbeit).

    auch schade, dass sie völlig unter den tisch fallen lassen, dass im schrank im heinz heger park täglich ein exemplar des buches eingestellt wird. auch wird es sicher nicht bei den 2.800 euro bleiben, habe ich doch schon alleine für den restbetrag für die 500 bücher (5.000 euro kamen vom nationalfond) schon fast die hälfte drauf gelegt.

    ansonsten: grosser artikel, aber wie sie schon meinten, etwas schleifen wäre gut.

    herzliche grüsse
    frank gassner

    offener bücherschrank
    gehsteig ecke zieglergasse-westbahnstrasse, wien 7
    ecke brunnenmarkt-grundsteingasse, wien 16
    ab 31.3.: heinz-heger park, wien 9

  2. wienextra schreibt:

    Lieber Herr Gassner!

    Danke für die freundlichen Anmerkungen.

    Bei “Playstation” kenne ich mich nicht aus, ich habe keine. Die beiden Kinder, die ich einmal hatte, haben vermutlich eine. Bei Büchern kenne ich mich aber aus, ich habe 5.000 und Bibliotheken als Systeme des Wissens sind meine kleine, große Welt. Ein paar braucht man in der Lebensumgebung, um “nachschauen” zu können, was war und ist in der Welt.

    Anarchistische Intervention ist genau in meinem Sinn. Besetzung des öffentlichen Raums (oder des virtuellen, der zum öffentlichen wird), ist Teil auch meiner Arbeit. Ich dachte natürlich, dass Sie von großem missionarischem Eifer getrieben sind, weil ich es bin. Eiferer sind nette Leute und sie bekommen meist von der öffentlichen Hand kein Geld.

    Die Sache mit dem täglichen Heger-Buch habe ich deshalb noch nicht geschrieben, weil ich am 31. März persönlich vorbeischaue und dann den nächsten Schritt rund um den Bücherschrank beschreibe. Dann geht es darum, welche Bücher drinnen stehen und es kommt natürlich zur Sprache, dass das Heger-Buch täglich nachgeschlichtet werden soll.

    Geben Sie mir die Chance, dass ich das “auf zwei Mal” berichte und im ersten Teil meine vermutlich zu idealistische Hypothese der Schaffung eines Bildungspfeilers abseits der vermarkteten und verwalteten Welt in einer rauen Zone des Brunnenmarktes (wo im übrigen auch in oft bin) und Setzen eines Brückenkopfes in eine Parallelgesellschaft sah und sehe, was im übrigen auch am Hannovermarkt sehr interessant wäre (20. Bezirk), wo man nach dem Niedergang der Buchhandlung Jägerstraße vielleicht den nächsten “Offenen Bücherschrank” aufstellen könnte.

    So, das in Kürze und ich freue mich schon auf die Eröffnung am 31. März und werde vor Ort sein.

    Mit schönen Grüßen
    Marcus J. Oswald

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