Bilder aus der Wallensteinstraße – Multikulti und Bizi

Das Geschäft heißt Multikulti. Vertrieben werden in der Wallensteinstraße 54 Waren aller Art. (Foto Oswald, 26. August 2011)

(Wien, im September 2011) Die Wiener Wallensteinstraße ist nach dem Feldherrn benannt. Der Tschechen-Krieger war zwischen 1625 und 1634 zwei Mal oberster General der kaiserlichen Streitkräfte im “Dreißigjährigen Krieg” – “er kämpfte auf Seiten des Kaisers und der Katholischen Liga gegen die protestantischen Mächte Deutschlands sowie gegen Dänemark und Schweden, fiel jedoch später in Ungnade und wurde von kaisertreuen Offizieren ermordet”, weiß das Graumedium “Wikipedia”. Der Autor dieser Zeilen muss einmal in seinem ledernen “Brockhaus” nachlesen, ob diese Logik so stimmt.

“Tot”

Jedenfalls: Die Wallensteinstraße im 20. Wiener Bezirk ist im Volksmund der Geschäftsleute “tot”. Somit setzt sich über die “Wiener Friedensbrücke” der Verfall der Alserbachstraße linear fort, die wirklich “tot” ist. Viele Geschäfte stehen über dem Alserbach leer und sind teilweise auch auf der Webplattform der Wirtschaftskammer Wien “freielokale” geführt. Man kann sagen, dass der gesamte Straßenzug von der Wiener Markthalle im 9. Bezirk bis zum Sachsenplatz im 20. Bezirk am Ende der Wallensteinstraße nicht nur leicht abschüssig ist, sondern, dass es tatsächlich “bergab geht”. Sie gilt als “tot”. Fehlt nur noch, dass gemäß der “broken windows”-Theorie die Scheiben eingeschlagen werden (durch Wildplakatierer beklebt sind sie schon, vornehmlich durch das Rotlicht-Lokal “Maxim”). Dann haben Mietspekulanten a la Lenikus freie Bahn für Abriss und Neubau. So geschehen ist es bei der Alserbachstraße 26, die nun im Neubau fünf Etagen erreicht hat. Die Alserbachstraße im 9. Bezirk und die über die Donaukanal-Brücke anschließende Wallensteinstraße im 20. Bezirk gelten als heruntergekommen. Wenn, wie in ein paar Jahren geplant, der Nordwestbahnhof aufgelöst und Areal für 6.000 Neuwohnungen sein wird und der “Durchstich” der Wallensteinstraße bis zur Dresdner Straße erfolgt, kann man hoffen, dass diese Straße “von der Toten wiederaufsteht”.

Neuer Masterplan Einkauf für Wien

Ohne hier auf das neue Gesamtkonzept der Wiener Wirtschafskammer einzugehen (weiter zum Artikel auf “Wiener Wirtschaft”), die Sorge um ihre Einkaufsstraßen und “den Handel” hat und die nun “alle Einkaufsstraßen Wiens” einem Gesamtplan unterwerfen will, kann man einwenden: Die Wallensteinstraße ist noch nicht ganz tot. Es sind dort schon noch lebendige Menschen und manche haben Charme, Überlebenswitz, viel zu erzählen, manche Vorschläge und vor allem: Viel billige Ware zu verkaufen. Er herrscht kein großes “Biz”, aber allemal ein wenig “Bizi”. Wenn man will Subkultur der großen Markenkultur, wie man sie in den Nobelstraßen Wiens kennt.

Hier einige Sommer-Bilder aus der Wallensteinstraße aus dem Monat August 2011 (Fotos alle: Marcus J. Oswald). Es hatte an diesen Tagen zwischen 35 und 37 Grad Celsius.

Das Geschäft hat am Portal keinen Namen, ist aber für Preisbewußte. (Foto: Oswald)

Billiger ist nur geschenkt. Das Schild Fashion Zone ist eine Extra-Anfertigung des Besitzers, der das Geschäft schon mehrere Jahre führt. Er hat es extra fürs Foto gezeichnet. (Foto: Oswald, 26. August 2011)

Bademode kostet einen Euro das Teil. Wo gibt's das sonst noch heutzutage? (Foto: Oswald, 26. August 2011)

Neben den klassischen Textilgeschäften, deren Betreiber in der Wallensteinstraße entweder Pakistani, Araber oder Chinesen sind, gibt es den Mann aus Ägypten, der schon lange da ist. Vormals im großen Geschäft auf Hausnummer zwei, übersiedelte er im Herbst 2010 aus Kostengründen in das aufgelassene Geschäft eines Schmuckhändlers. Das Internet- und Telefoniegeschäft hat er aufgegeben. Er konzentriert sich auf engem Raum auf PC-Reparatur und Planausdrucke.

Wenn der Computer streikt, sollte man die Daten gesichert haben. Dann kann man die Kiste zu ihm bringen. Für 50 Euro wird er komplett neu installiert und aufgesetzt. Gute Programme sind dann auch drauf. Vom Internet-Cafe-Geschäft hat er sich losgesagt. Der Inhaber aus Ägypten, der perfekt deutsch spricht, meint, dass das keines mehr ist heute. Dagegen spricht, dass rund 60 vom Autor dieser Zeilen besuchte Internetcafes in ganz Wien gut brummen. (Foto: Oswald)

Hohe Miete für kleinen Preis – Schnäppchenmarkt

Keineswegs ist die Wallensteinstraße eine “tote Zone”. Das Geschäft “Kaufpunkt” zahlt, so die Auskunft bei benachbarten Geschäftsleuten, an der gut frequentierten Ecke zur Klosterneuburgerstraße pro Monat 10.000 Euro Miete. Die Inhaber sind Personen aus dem Bereich der Russischen Föderation. Das Geschäft hat zwei Stockwerke, wovon das obere als Schauraum und Lager dient. Typisch für Geschäfte dieser Art, die den Markt mit aufgekaufter Konkursware zu günstigen Preisen betreiben, ist, dass sie sich stark “auf die Gasse” erstrecken und Korbschwemmen voller Angebotsware vorzeigen, die schnell hinaus zum Kunden muss. Das beeinflusst das optische Erscheinungsbild einer Straße, die dann vielen wie eine “Ramschstraße” vorkommt.

Bei 10.000 Euro Monatsmiete müssen täglich 300 Kunden kommen und um zumindest 10 Euro kaufen, damit nach der Umsatz- und Gewinnsteuer (zusammen rund 50 % von den Einnahmen) und nach Abzug der Miet- und Betriebskosten (Fixkosten) für Lohn und Betriebsgewinn noch etwas über bleibt. Es sind interessanterweise keine Österreicher, die diesen Trapezakt im Handel gehen, sondern Austro-Russen. (Foto: Oswald)

Ein ähnliches Bild zeigt sich auf der Wallensteinstraße an der Ecke Jägerstraße. Die Schnäppchen stehen heraussen, teilweise um einen Euro. Da Kaufen oft nur die kurzfristige Belohnung des Gehirns ist, kaufen viele aus solchen Körben. Im Bild eine interessierte Passantin. (Foto Oswald, 26. August 2011)

Die Kreuzung zur Jägerstraße ist der zweite Knotenpunkt an der Wallensteinstraße. Die Brigitta-Apotheke gibt es schon seit Kaisers Zeiten. Es ist umstritten, ob sie zur Jägerstraße oder zur Wallensteinstraße gehört, der Hauseingang ist in der Jägerstraße. Sie liegt auf jeden Fall zentral am Wallensteinplatz. Dieser wurde vor einigen Jahren frisch saniert. Mit ihm das Kabarett Vindobona, wo einst schon Gerhard Bronner aufspielte.

Im Zweiten Weltkrieg schlug direkt im Haus in der Wallensteinstraße 32 eine britische Bombe ein. Das Haus schräg gegenüber, wo die Apotheke ist, blieb unversehrt. (Foto: Oswald, 26. August 2011)

Zwischen Hausnummer 26 und 30 drängen sich vier Textilläden Tür an Tür.

Mode hat den Ruf oft aus China zu stammen, obwohl etwas anderes am Etikett steht. Die großen Kopisten der Textilbranche arbeiten in China. Die Verkäuferin will nicht, dass man im Geschäft Fotos macht. Die Preise sind zaghaft bis echt billig. (Foto: Oswald)

Mode, wohin man sieht. (Foto: Oswald)

Mode, Mode. (Foto: Oswald)

Mode. (Foto: Oswald)

An der Kreuzung zur Dammstraße endet die “Geschäftsstraße” Wallensteinstraße. Danach geht sie noch hundert Meter weiter. Doch nun beginnen die reinen Wohnhäuser, ehe der “Sachsenplatz” an der Nordwestbahnstraße abschließt. Zwischen Jägerstraße und Dammstraße bietet sich das gleiche Bild wie zwischen Klosterneuburgerstraße und Jägerstraße. Viele Kleingeschäfte, so gut wie alle in Zuwandererhand. Mit Ausnahme der Banken (Erste, Bawag, BA), der Trafik und der größeren Ketten wie Libro, Hartlauer, DM, Billa, Zielpunkt, Aida ist wohl nur der eine oder andere Friseur gebürtiger Österreicher. Das Unternehmertum durch Zuwanderer ist in der Wallensteinstraße (und rund um den Hannovermarkt gleich nebenan) voll entfaltet wie sonst am Brunnenmarkt in Ottakring. Das zeigt sich auch an den Öffnungszeiten, die eher flexibel nach hinten sind.

Marcus J. Oswald (Ressort: Bezirksgeschehen, 20. Bezirk)

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Über wienextra

Autorenschaft, Recherche, Sprechen mit Leuten, Niederschreiben. Das Leben ist Dokumentation von Leben. Der Autor heißt Marcus "John" Oswald, ist nicht verschwägert oder verwandt mit Lee Harvey Oswald.
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